Zur Autorin
Ich schreibe aus einer langjährigen Nähe zu den stillen, oft sehr persönlichen Übergängen des Lebens und zu den existenziellen Fragen, die sich dort zeigen. Schon früh hat mich das angezogen, was unter der Oberfläche des Alltäglichen wirkt – dort, wo Gewissheiten brüchig werden und Sinn sich nicht erklären lässt, sondern nur erfahren.
Viele Jahre habe ich als Fachkraft in der Pflege alter Menschen sowie bei Menschen mit geistiger und körperlicher Behinderung gearbeitet und sie in ihrem Leben und im Sterben begleitet. In dieser Nähe zu Verletzlichkeit, Abschied und Wandel hat sich mein Blick verändert. Ich habe weniger gefragt, wie Leben funktioniert, sondern mehr danach, wie es sich anfühlt. Diese Begegnungen in den Grenzräumen des Menschseins haben meine Wahrnehmung für das Wesentliche geschärft und eine Haltung in mir wachsen lassen, die Präsenz höher achtet als Erklärung. Sie haben auch meine Sprache geprägt.
Ich schreibe nicht aus Distanz. Und ich schreibe nicht, weil ich auf alles Antworten gefunden hätte. Ich schreibe, weil mein eigenes Leben mich immer wieder angehalten hat – manchmal sanft, manchmal schmerzhaft –, stehen zu bleiben, innezuhalten, still zu werden. Schon als Kind war da dieses Gefühl, dass unter dem Sichtbaren etwas Tieferes liegt. Etwas, das sich nicht benennen lässt und doch spürbar ist. In den dichten Momenten, in Augenblicken, in denen die Welt weiterging und zugleich etwas in mir innehielt, als würde sich dort etwas Wesentliches zeigen.
Mit den Jahren wurde dieses Empfinden intensiver. Begegnungen, Verluste, erste Brüche, Entscheidungen, Enttäuschungen – und auch Freude, die weit machte, und Schmerz, der enger wurde. Das Leben stellte Fragen, lange bevor ich Worte dafür hatte. Ich habe gelernt, dass Verstehen selten sofort kommt. Dass manche Erfahrungen Zeit brauchen, um von innen her lesbar zu werden.
Auch später hat mich das Leben immer wieder zu Pausen eingeladen. Nicht aus Stillstand, sondern aus Notwendigkeit. Zum Zurückblicken. Zum Spüren. Nicht, um festzuhalten, was war, sondern um es zu verinnerlichen. Um aus Begegnungen, aus Freude und Schmerz, aus Vernunft und Loslassen etwas zu gewinnen, das weiterträgt. Ich habe gelernt, dass Erfahrungen nicht abgeschlossen sein müssen, um zu wirken. Manche bleiben offen, verändern ihren Klang mit der Zeit, und reifen weiter. Verstehen ist für mich kein Ziel geworden, sondern ein inneres Weitergehen. Ein Sich-Annähern. Ein Zulassen.
Wenn ich zurückblicke, suche ich nicht nach Antworten, sondern nach Spuren. Erinnerungen leben für mich nicht nur im Kopf, sondern auch im Körper, im Tonfall, in der Art, wie ich spreche.
Manche Erlebnisse erscheinen im Rückblick kleiner, andere größer – nicht, weil sie sich verändert hätten, sondern weil ihre Bedeutung erst mit der Zeit sichtbar wurde. Rückblick ist kein Archiv. Er ist ein Reifeprozess. Kein Rückzug, sondern eine Form von Gegenwärtigkeit.
Mein Leben erzählt sich mir nicht als lineare Geschichte. Es zeigt sich mir in Bewegungen. In Phasen des Öffnens und des Rückzugs. In Zeiten, in denen alles nach außen drängte, und in solchen, in denen Ruhe und Stille notwendig war, um den Kontakt zu mir selbst nicht zu verlieren. Von innen gelesen wird Biografie nicht zu einer Abfolge von Ereignissen, sondern zu einem lebendigen Dialog – zwischen dem, was war, und dem, was jetzt ist.
Ich schreibe deshalb: fragend, bewegend, offen, und am Ende mit einem vielleicht. Mein Schreiben sucht nach Resonanz, es möchte Räume öffnen – für Wahrnehmung, für Erinnerung, für innere Bewegung. Es geht mir darum Wege zu begleiten. Um Worte, die mitgehen dürfen. Um Texte, die etwas in Bewegung bringen.
Ich schreibe aus dem Vertrauen heraus, dass etwas Größeres durch jedes Leben atmet – und dass dieses Getragensein uns tiefer miteinander verbindet, als Worte es je ganz benennen könnten. Ich weiß nicht, was das „wahre“ Leben ist. Aber ich kenne seine Bewegung in mir. Ich kenne seine Fähigkeit, mich immer wieder tiefer hineinzuführen – nicht weg von mir, sondern näher zu dem, was wesentlich ist. Und vielleicht beginnt Wahrheit genau dort: wo wir bereit sind, dem eigenen Leben wirklich zu begegnen.