Über das Sterben auf unseren Bildschirmen, die schleichende Gewöhnung an das Leid und die Würde des Menschen.
Es gibt Bilder, die sollten uns niemals gleichgültig werden. Und doch wird der Tod zunehmend zur Kulisse, das Sterben zur öffentlichen Szene, menschliches Leid zu einem flüchtigen Augenblick auf unseren Bildschirmen.
Wir sehen Menschen in Kriegsgebieten sterben, Hinrichtungen, verzweifelte letzte Augenblicke, trauernde Angehörige und öffentlich angekündigte, medial begleitete Suizide. Bilder werden geteilt, kommentiert, weitergereicht. Ein Mensch stirbt. Und wir scrollen weiter.
Darin liegt ein schmerzlicher Widerspruch unserer Zeit. Während Sterben und Tod noch immer gesellschaftliche Tabus sind, wir kaum Worte für unsere Endlichkeit finden, uns im Umgang mit Sterbenden und Trauernden oft hilflos fühlen, betrachten wir das Leid fremder Menschen beinahe grenzenlos aus sicherer Entfernung.
Wie können wir dem Tod auf unseren Bildschirmen so nahe sein und zugleich die wirkliche Nähe zu sterbenden und trauernden Menschen scheuen?
Bilder können Unrecht sichtbar machen, Gewalt bezeugen und Menschen vor dem Vergessen bewahren. Doch zwischen notwendigem Hinsehen und öffentlicher Zurschaustellung verläuft eine Grenze, an der die Würde des Menschen beginnt.
Wem gehören die letzten Augenblicke eines Sterbenden? Wer schützt die Trauer einer Mutter, deren Schmerz plötzlich Millionen fremder Augen erreicht?
Wir sehen das Sterben eines Menschen, aber nicht sein gelebtes Leben. Nicht seine Geschichte, seine Liebe, seine Hoffnungen, all das, was ihn einzigartig gemacht hat.
Die Bilder folgen so schnell aufeinander, dass unsere Seele kaum Zeit findet, das Gesehene zu begreifen. Aus Erschütterung wird Gewöhnung, aus Nähe eine trügerische Vertrautheit mit dem Leid. Wir sehen immer mehr und drohen dabei zu verlieren, was uns menschlich verbindet: das Innehalten, das Mitfühlen, die behutsame Zuwendung.
Denn Sichtbarkeit ist noch keine Solidarität. Betroffenheit noch keine Begleitung. Und das Teilen eines schrecklichen Bildes noch kein Mitgefühl.
Während die Bilder von unseren Bildschirmen verschwinden, bleibt der Verlust, das ein Weiterwischen nicht auslöschen kann. Die Menschlichkeit einer Gesellschaft zeigt sich auch darin, wie sie Sterbenden begegnet, ihre Toten achtet und Trauernde trägt. Wir brauchen den Mut, über unsere Endlichkeit zu sprechen, die Bereitschaft, Leid gemeinsam auszuhalten, und eine Kultur der Fürsorge, die den Menschen auch in seiner größten Verletzlichkeit schützt. Wahres Mitgefühl braucht nicht immer Bilder. Manchmal beginnt es dort, wo wir darauf verzichten, etwas zu zeigen, weiterzugeben oder öffentlich zu machen. Denn ein Mensch ist mehr als sein letzter Augenblick. Sein Sterben ist keine Kulisse. Seine Trauer kein Schauspiel. Und seine Würde endet nicht mit seinem letzten Atemzug.
Am Ende bleibt eine Frage, die uns alle angeht:
Was sollten wir zeigen und was sollten wir sehen – und was schulden wir einander an Menschlichkeit?