Ein zugewandtes Leben


Was heißt es, ein zugewandtes Leben zu führen? Ist es nur Freundlichkeit, Aufmerksamkeit, menschliche Nähe? Oder ist es nicht vielmehr eine innere Haltung, eine stille Entscheidung der Seele, dem Leben nicht den Rücken zu kehren?

Zugewandt zu sein bedeutet, mit dem Herzen anwesend zu sein. Es heißt, nicht nur zu sehen, sondern wahrzunehmen; nicht nur zu hören, sondern aufzunehmen; nicht nur zu begegnen, sondern den anderen wirklich zu meinen. Zuwendung sagt: Ich sehe dich.

Doch Zuwendung gilt nicht nur dem Menschen. Sie weitet sich aus zur Welt selbst: zu den Tieren, den Pflanzen, den Dingen, den Jahreszeiten, zu Erde, Wasser, Himmel und Licht. Wer zugewandt lebt, geht nicht achtlos durch die Schöpfung, als sei sie bloß Kulisse seines eigenen Lebens.

Er erkennt in allem eine Spur des Lebendigen, ein stilles Gegenüber, eine Offenbarung des Ganzen.

Auf spiritueller Ebene ist Zuwendung eine Form des Gebets, auch dort, wo keine Worte gesprochen werden. Denn wo wir uns einem Menschen, einem Wesen oder einem Augenblick wahrhaft zuwenden, verlassen wir den engen Raum des Ichs und treten ein in den größeren Raum der Verbundenheit. Dort berühren wir etwas sehr Tiefes, etwas Heiliges.

Ein zugewandtes Leben ist ein Leben, das dem Leben antwortet: dem Menschen mit Mitgefühl, der Schönheit mit Dankbarkeit, der Vergänglichkeit mit Ehrfurcht, der Schöpfung mit Achtsamkeit und dem Göttlichen mit Vertrauen. Es ist die Bewegung vom Ich zum Du, vom Du zur Welt, von der Welt zum Ursprung allen Seins.

Zugewandt zu leben heißt, sich berühren zu lassen. Es heißt, in allem Lebendigen eine Spur des Ewigen zu ahnen. Und es heißt, jeden Tag neu zu entscheiden für das, was Liebe von uns verlangt.

So wird Zuwendung zu einem Gelübde des Herzens: Ich wende mich nicht ab vom Leben. Ich wende mich hin. Zu dir. Zur Welt. Zu mir selbst. Zum Ursprung, aus dem alles kommt.